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SPIEL MIT DER ANGST
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Rede von Franz Dobler
Beschreibung der Arbeiten
 
DIE FOTOGRAFEN
Claudia Knupfer
Hubl Greiner
Mohamed Badawi
Stefan Postius
 

Rede von Franz Dobler zur Ausstellung

DAS SPIEL MIT DER ANGST / Zwischen Allmacht und Ohnmacht
Kunstverein Konstanz, 19.12.2008
Claudia Knupfer, Hubl Greiner, Mohamed Badawi, Stefan Postius

Fotoausstellung Das Spiel mit der Angst
Franz Dobler vor seiner Eröffnungsrede

Ein bisschen Kunst, ein bisschen Vernissage, ein bisschen feingeistige Unterhaltung - das ist doch eine gute Abwechslung kurz vor Weihnachten. Man entkommt dem Stress und steht auch noch im Warmen.

Falls allerdings jemand eine Tendenz zu paranoiden Gefühlen hat, ist er hier am falschen Ort. Stoff für Paranoia in beiden Räumen: im ersten Raum die Entdeckung, dass selbst der idyllische Bodenseeraum eine Menge Ziele für mögliche terroristische Angriffe bietet. Im zweiten Raum der Verdacht, dass man selbst unter Beobachtung stehen und für einen Angreifer gehalten werden könnte.

Falls Paranoia eine Krankheit ist, dann ist es eine tückische Krankheit. Falls Sie glauben, nicht verfolgt zu werden, heißt das vielleicht nur, dass Sie zu dumm sind, um es zu bemerken. Und noch schlimmer, wie es der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs einmal formuliert hat: "Paranoia heißt nicht, dass man nicht verfolgt wird."

Das Konzept und die Fotos von Badawi, Greiner, Knupfer und Postius sind nicht nur nah an der Realität, sondern an Aktualität gekoppelt. Sozusagen im Schatten des "11.September" auf Tuchfühlung mit dem Gesetz zur Erweiterung der Befugnisse des Bundeskriminalamts im Anti-Terror-Kampf. Was ebenfalls nichts anderes als EIN SPIEL MIT DER ANGST ist - in dem ab dem 1.1.2009 einige Regeln verändert werden: Erleichterung im Bereich der Online-Überwachung, Einschränkung des Zeugnisverweigerungsrechts für Journalisten, Ärzte, Juristen - ganz allgemein: weitere Einschränkung von Bürgerrechten. 

Eine Entwicklung, die sich seit den sogenannten RAF-Gesetzen der 70er Jahre ständig verschärft hat. Verschärfung heißt konkret - Zitat Süddeutsche Zeitung: der Staat kann heute Mittel einsetzen, "die früher nur gegen konkret Verdächtige angewendet werden durften."

"Mir doch egal", werden jetzt viele von ihnen sagen, "ich habe mit krummen Sachen (von der Steuer vielleicht mal abgesehen) nichts zu tun, das betrifft mich nicht."

Der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm nimmt ihnen diese Illusion. Er sagt: "Das Problem liegt ja darin, dass wir uns im Bereich der Prävention bewegen. Es geht nicht darum, einem Verdacht nachzugehen, sondern es geht bei den Anti-Terrorgesetzen vorwiegend um verdachtslose Ermittlungen. Jeder kann hier also betroffen sein... Ob er nichts im Schilde führt, weiß man erst nach der Überprüfung" - und allein der Vorgang der Überprüfung könne "mit höchst unangenehmen Folgen verbunden" sein. 

In diesem Raum sind wir vor allem mit dieser präventiven Situation konfrontiert - d.h. die Fotos führen uns 1.) vor, dass wir massiv unter Beobachtung stehen, und dass  2.) ihr Inhalt eine Frage der Interpretation ist. "Es bedarf nur eines Willens oder Auftrags, verdächtige Zusammenhänge zu entdecken", sagt Stefan Postius, "was verdächtig ist, wird irgendwo und kaum nachvollziehbar festgelegt."

Über dieses "Irgendwo" gibt uns das Arrangement von Hubl Greiner eine Vorstellung: es simuliert einen Arbeitsplatz, an dem zwischen harmlosem Alltag und Verbrechensvorbereitung unterschieden werden soll, und die sekundenpräzise Beobachtung lässt erahnen, dass sich die Einschätzung im Zustand der Hysterie verändern wird. Wie heißt es im Krimi dann so schön: "Wir müssen endlich ein Ergebnis vorweisen!" 

Dass es seit den Anschlägen auf das World Trade Center leichter geworden ist, Verdächtige zu präsentieren, darauf verweisen die Fotos von Mohamed Badawi - "Islamophobia" ist sein Stichwort, die Angst vor allen islamischen oder scheinbar islamischen Zeichen. Und natürlich ist Badawi innerhalb der Gruppe derjenige, der die Auswirkungen von Überwachung am stärksten persönlich erlebte. Ich behaupte, dass ihn sein deutscher Pass, seine Tätigkeit an der Universität und die fünf Sprachen, die er beherrscht, nur noch verdächtiger machen. Und die Vorstellung, dass er anlässlich einer Ausstellung zum Thema "Überwachung" möglicherweise überwacht wird, hat einen gewissen Kick. Sehr paranoid, natürlich.

Die Fotos von Claudia Knupfer bringen ein Thema ins Spiel mit der Angst, das eher unterschätzt wird. Sie zeigt den Öffentlichen Raum als Raum, den wir als sicher oder unsicher empfinden. Beide Gefühle sind steuerbar - und verbunden mit dem Kapital, das wir in diesem Raum vorfinden. 

Die permanent verstärkte Überwachung der Innenstädte dient auch der permanenten Verbesserung einer Feel-Good-Atmosphäre, lautet das Ergebnis einer Untersuchung des Soziologen Jan Wehrheim. Je mehr Kameraaugen, desto besser die Möglichkeiten, Leute, die diese konsumfreundliche Gute-Laune-Atmosphäre stören könnten, aus dieser Zone zu entfernen. Das vorgeschobene Argument, eigentlich im Interesse der Sicherheit der Bürger zu handeln, ist ideal dafür - und eine permanent intensiver werdende Beobachtung gehört zu diesem Prozess: denn "je mehr Räume überwacht werden, desto unsicherer fühlen sich Menschen in nicht überwachten Bereichen."

Selbst aus einem schlechten Konstanzer tatort kann man immerhin diese Grundfrage der Verbrechensaufklärung kennen: wem nützt das Verbrechen? rainer Werner Fassbinder hat mit seinem Film "die 3. Generation" eine Überlegung angeboten, die bei allen Diskussionen um die RAF in diesem Jahr gründlich ignoriert wurde: mehr Überwachung, mehr Überwachungstechnik bedeutet immer auch für einige: mehr Arbeitsplätze, mehr Profit. Und sollten die Verbrechen ausbleiben, dann werden mehr Verdächtige und neue Verbrechen benötigt. Was natürlich jetzt wieder ziemlich paranoid ist.

Besonders paranoid wäre jedoch, wenn man glaubte, unsere Künstler könnten sich damit in Gefahr begeben. Andererseits hatte ihr kollege christian Faulhaber kürzlich etwas Pech gehabt - er hatte für sein Projekt "Mr Security", das sich ebenfalls mit dem Komplex Staat / Sicherheit / Überwachung beschäftigte, US-Botschaften und Konsulate in Deutschland und Polen fotografiert - und war dann bei der Einreise in die USA verhört worden, und hatte erfahren, dass er auf einer Liste Terrorverdächtiger stand, und diverse Kunsteinrichtungen hatten ihre Aufträge und Genehmigungen zurückgezogen.

Kurz vor Weihnachten habe ich aber auch eine gute Nachricht für alle Christen unter ihnen: denken sie daran, dass für sie alles halb so wild ist. schließlich leben sie mit der Gewissheit, dass der liebe Gott schon immer alles sieht.

© Franz Dobler 2008
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